Predigten

Eine kleine Auswahl meiner Freitagspredigten. Bitte zum Ausklappen auf die Thementitel klicken.

Richtig entscheiden

Liebe Brüder und Schwestern,

im Laufe seines Lebens hat der Mensch immer wieder Entscheidungen zu treffen, steht vor Entscheidungen, weiß nicht, welchen Weg er dann geht? Wie geht man vor in solchen Situationen? Wie trifft man Entscheidungen?

Der Islam hat uns drei Vorgehensweisen, drei Dinge, drei Hilfestellungen sozusagen genannt, gegeben:

Einmal dass man sich bemüht, seinen Verstand und sein Wissen einsetzt um zu einer richtigen Entscheidung zu kommen. Das zweite, dass man andere zu Rate zieht. Und das dritte ist, dass man ein Gebet verrichtet mit der Bitte um das Finden der richtigen Entscheidung.

Und all diese Dinge – liebe Brüder und Schwestern – macht man bei Entscheidungen, bei denen es sich um Dinge handelt, die im neutralen Bereich liegen, weil es eben Dinge oder Handlungen gibt, die Pflicht sind, andere, die erwünscht sind, andere, die unerwünscht sind und wiederum andere, die verboten sind! Diese Dinge, da haben wir eine klare Vorgabe von Allah, wie man zu handeln hat. Aber der größte Bereich der menschlichen Handlungen liegt im Bereich des Neutralen, wo man eben Entscheidungen zu treffen hat!

Man wird dazu angehalten, sein Bestes zu geben, um eben das Beste für sich zu erreichen, von dem man denkt, dass das gut für einen ist! Dies finden wir in der Aussage des Propheten (s): „sorge dich um das, was dir nutzt!“ setze dich dafür ein, kümmere dich darum, eben um das, was dir nutzt, was dich weiter bringt und bitte Allah um seine Hilfe. Dass man sich einsetzt, dass man sich darum sorgt oder kümmert – liebe Brüder und Schwestern – bedeutet aber auch, dass dies im Rahmen des Erlaubten zu geschehen hat. Das heißt: es geht nicht, dass man sagt: ich versuche mich durch unerlaubte Art und Weise zu bereichern, z.B. durch Zinsnahme, in der Meinung, dass es einem nutzt, wobei Allah einem dies verboten hat, dies nur als Bespiel!

Auch – liebe Brüder und Schwestern – das, was einem nutzt, darf anderen nicht schaden, das heißt: man darf nicht so handeln nach dem Motto „Ich und nach mir die Sintflut!“, sondern dass man sich der Aussage des Propheten (s) erinnert: „kein Schaden für mich, aber auch kein Schaden für andere!“

Auch bei Entscheidungen, die verschiedene Personen betreffen, z.B. in der Familie, in einem Unternehmen oder in einem Team, dass man nicht eigennützig handelt oder die Entscheidung trifft, sondern dass man auch die anderen Menschen, die anderen Personen bei seiner Entscheidung berücksichtigt, dass denen auch kein Schaden entsteht!

Zweitens – liebe Brüder und Schwestern – dass man sich andere zu Rate zieht, dass man nicht nur die eigene Meinung hat, sondern, dass man sich andere Meinungen einholt!

Die gegenseitige Beratung ist ein wichtiges Prinzip im Islam, so sagt Allah im Koran zu seinem Propheten: „Und berate dich mit ihnen in allen Angelegenheiten von öffentlichem Interesse!“ (Koran 03:159) An andere Stelle beschreibt Allah die Gläubigen so, dass „deren Regel (in allen Angelegenheiten von allgemeinem Interesse) Beratung untereinander ist.“ (Koran 42:38). Entsprechend hat der Prophet (s) gesagt: „Zur Religion gehört die gegenseitige Beratung bzw. der gute Ratschlag!“

Der Prophet hat auch gesagt: „Wenn den einen von euch sein Bruder um seine Meinung bezüglich einer Sache fragt und um einen Rat bittet, so soll dieser jenem einen guten und aufrichtigen Rat geben!“

Aber wen fragt man? – liebe Brüder und Schwestern. Man fragt diejenigen, von denen man weiß, dass sie Wissen haben, dass sie Erfahrungen haben, dass sie z.B. Experten in einem bestimmten Gebiet sind, in dem man eine Entscheidung zu treffen hat!

Wie fragt man? Man stellt seine Situation richtig, aufrichtig und vollständig dar, damit man einen guten Rat, eine gute Hilfe bei der Entscheidung bekommen kann.

Und all dies – liebe Brüder und Schwestern – entbindet einem nicht seine Verantwortung! Das heißt, wenn ich andere um Rat oder Hilfe bei der Entscheidung frage, so entscheiden sie nicht für mich und tragen auch keine Verantwortung für meine eigene Entscheidung! Die Folgen bzw. die Konsequenzen der eigenen Entscheidung hat man selber zu tragen!

Drittens – liebe Brüder und Schwestern – ist das „Istichara-Gebet“, das Gebet um das Finden einer richtigen Entscheidung. Der Gläubige steht in einer Verbindung zu seinem Schöpfer, hat die Liebe zu Allah und hat auch das Vertrauen auf Ihn und weiß, dass Allah die Allmacht hat, dass Allah das Wissen hat und dass Allah die Güte hat. Entsprechend bittet man Allah um eine richtige Entscheidung, weil Allah die Macht, das Wissen und die Güte hat.

In einem Ausspruch des Propheten (s), überliefert von seinem Gefährten Dschabir:

„Der Gesandte Allahs (s) lehrte uns, um Eingebung zur richtigen Entscheidung (bei Allah) zu erbitten, wie er uns auch die Suren des Koran lehrte, indem er sagte:

Wenn einer von euch etwas vorhat, dann soll er ein Gebet verrichten, das aus zwei Gebetseinheiten (Rak’a) besteht und nicht zu den Pflichtgebeten gehört, und anschließend sprechen: „O Allah, ich bitte Dich um die Eingebung der richtigen Entscheidung aufgrund Deines Wissens; und ich bitte Dich um Kraft (zur Durchführung des Vorhabens) durch Deine Macht, und ich bitte Dich um Deine unermessliche Gunst. Denn Du hast die Macht (dazu) und ich nicht, und Du weißt (alles), und ich weiß nicht(s); und nur Du kennst das Verborgene! O Allah! Wenn Du weißt, dass diese Angelegenheit (und nennt sein Anliegen!) gut ist für mich, für meinen Glauben, für meine Lebensführung und für mein Ende (oder sagt: für mein diesseitiges und jenseitiges Leben), so bestimme sie mir und erleichtere sie mir, sie zu erreichen! Und gib mir dann Deinen Segen dazu! Weißt Du aber, dass diese Angelegenheit (und nennt sein Anliegen!) schlecht ist, für mich, für meinen Glauben, für meine Lebensführung und für mein Ende (oder sagt: für mein diesseitiges und jenseitiges Leben), so wende sie von mir ab und halte mich von ihr fern! Bestimme mir Gutes, wo immer dies auch sei, und mache mich dann zufrieden damit.“

Man verrichtet also dieses Gebet und trifft dann seine Entscheidung im Vertrauen auf Allah.

Es ist nicht überliefert, und entsprechend auch nicht richtig, dass man nach diesem Gebet auf eine Eingebung im Traum wartet oder dass man den Koran aufschlägt und nach Zeichen oder Hinweisen für die richtige Entscheidung sucht!

Der große Gelehrte Ibn Taymiyya hat gesagt: „Derjenige wird es nicht bereuen, der den Schöpfer um das Finden der richtigen Entscheidung bittet, der seine Mitmenschen sich zu Rate zieht und der dann standhaft und konsequent seinen Weg geht!“

Der vierte Kalif Ali ibn Abi Talib sagte: „Zur Rechtleitung gehört, dass man sich berät. Wer sich auf seine eigene Meinung beschränkt, geht ein Risiko ein! Eine gute Vorbereitung vor der Durchführung einer Entscheidung bewahrt dich vor der Reue danach!“

Sollte man im Nachhinein meinen oder feststellen, dass man doch eine falsche Entscheidung getroffen hat, so ist dies kein Weltuntergang! Man soll nicht verzweifeln oder sich ständig Vorwürfe machen oder sagen: wenn und wäre!

Stattdessen soll man auf der einen Seite aus seinen Fehlern bzw. falschen Entscheidungen lernen. Auf der anderen Seite akzeptiert man die Bestimmung Allahs und setzt seinen Weg im Vertrauen auf Allah fort.

Der Prophet (s) hat ja gesagt: „Der starke Gläubige ist Allah lieber als der schwache Gläubige; in jedem ist jedoch Gutes vorhanden. Halte dich fest an das, was dir nützt, flehe Allah um Hilfe an und gib nicht auf! Sollte dir etwas zustoßen, dann sage nicht „Hätte ich nur dies und das getan!“ Aber du sollst sagen, „Allah hat es bestimmt und Sein Wille geschieht“, denn „Hätte“ öffnet nur dem Satan die Tür.“

Möge Allah, der Erhabene uns zu seinen rechtschaffenen Dienern zählen, amen!

Bedenke, was du sagst

Liebe Brüder und Schwestern,

Allah der Erhabene hat seinen Propheten (s) dazu angehalten, Geschichten zu erzählen, damit die Menschen sich darüber ihre Gedanken machen mögen und vielleicht auch davon lernen.

„Es gab einmal einen Vater, der einen schwierigen Sohn hatte. Dieser hat sich immer wieder aufgeregt und hat andere in diesem Zustand beschimpft und beleidigt. Und der Vater wusste nicht, was er mit diesem Sohn machen kann, bis er eines Tages auf eine Idee kam, welche er alsbald in die Tat umsetzte:

Er gab seinem Sohn einen Beutel voller Nägel und sagte zu ihm:

„Pass auf mein lieber Sohn: Jedes Mal, wenn du dich aufregst und wütend wirst und dazu neigst, jemanden zu beleidigen oder zu beschimpfen, dann geh zum Zaun unseres Gartens und schlag dort einen Nagel ein.“

Am ersten Tag schlug der Sohn viele Nägel in den Zaun, und das störte ihn, denn es kostete Zeit und Kraft, so dass er erkannte, er müsste langsamer machen und müsste versuchen, sich weniger aufzuregen, damit er nicht jedes Mal zu diesem Zaun gehen und Nägel einschlagen muss! Und so wurden es von Tag zu Tag weniger Nägel, die er einzuschlagen hatte, bis er eines Tages voller Stolz zu seinem Vater kam und sagte:

„Heute musste ich keinen einzigen Nagel einschlagen!“

Und der Vater sagte zu ihm: „Gut gemacht, mein Sohn! Aber ab heute sollst du für jeden Tag, an dem du nicht in Streit mit jemandem gerätst, einen Nagel wieder aus dem Zaun herausziehen!“

Auch dies tat der Sohn, wenngleich es auch dauerte, Wochen und Monate vergingen, bis er damit fertig war. Dann kam er zu seinem Vater und sagte:

„Vater! Ich bin heute fertig geworden! Es gibt keinen Nagel mehr in unserem Zaun!“

Da sagte der Vater zu ihm: „Gut gemacht! Aber jetzt wollen wir gemeinsam zu unserem Zaun gehen!“ Dort sagte er zu ihm: „Siehst du jetzt den Zaun? Wie ist sein Zustand? Ist es der Zustand, in dem dieser Zaun war, bevor du diese Nägel da eingeschlagen hast? Nein! Da siehst du die Löcher und die Spuren, die dein Handeln hinterlassen hat!

Und weißt du? Ganz ähnlich verhält es sich, wenn wir Menschen beschimpfen oder beleidigen und etwas Schlechtes sagen. Das ist wie ein Pfeil, den man gegen jemanden richtet und ihn dann damit ins Herz trifft. Und auch wenn man sich danach entschuldigt, so bleibt trotzdem etwas im Herzen dieses Menschen!“

Die Zunge – liebe Brüder und Schwestern – ist eine Gabe Allahs an uns, damit wir uns verständigen, miteinander reden können, uns äußern können.

Allah sagt: „Haben Wir ihm nicht zwei Augen gemacht, eine Zunge und zwei Lippen“ (Koran 90:8-9)

Gegeben damit der Mensch in der Lage ist, sich zu äußern, sich verständlich zu machen.

Wichtig ist aber auch zu wissen, dass alles, was wir sagen, festgehalten, niedergeschrieben wird, und wir dafür zur Rechenschaft gezogen werden, so hat es Allah im Koran (50:18) gesagt. Jedes Wort, welches gesprochen wird, wird auch gleichzeitig niedergeschrieben, festgehalten durch 2 Engel. Und entsprechend hat der Prophet (s) gesagt, dass das Meiste, das Schlimmste, was die Menschen in die Hölle bringt, ist eben das, was sie sagen!

Als der Prophet (s) eines Tages von einem seiner Gefährten gefragt wurde: „Wie kann ich mich retten?“, da antwortete er: „Bewahre dir deine Zunge!“ D.h. überleg dir, was du sagen willst, bevor du es sagst!

Es gibt verschiedene Situationen – liebe Brüder und Schwestern – in denen uns der Prophet zu einem bestimmten Verhalten aufgefordert hat, und auch zu dem, was wir dann sagen sollen.

„Der Dank“ ist zum Beispiel eine dieser verschiedenen Situationen. Dass man sich bedanken soll, wenn man Gutes erfahren hat, dass man „Danke!“ sagt, dass man auch sagt: „Möge Allah es dir reichlich belohnen!“

Denn dies führt dazu, dass die Beziehungen zu den Menschen besser werden, und dass die Menschen auch motiviert werden, weiterhin Gutes zu tun.

„Der gute Ratschlag“, „Die gute Empfehlung“ – auch dazu hielt uns der Prophet (s) an, und dies auch in der entsprechenden vernünftigen guten Art und Weise, damit man seinen Bruder oder seine Schwester nicht bloß stellt beim Geben von Ratschlägen, und dies auch in einem guten und schönen Ton, dass dieser gute Ratschlag angenommen wird.

Wir müssen aber auch Maß halten beim Loben eines Menschen, damit dieser nicht dazu verleitet wird, überheblich zu werden – so hat es der Prophet Mohamed (s) gesagt: wenn wir loben, dann sollen wir sagen, dass wir so denken von dieser Person, und Allah weiß am besten Bescheid über diese Person.

Und umgekehrt wenn wir über jemanden urteilen oder Negatives sagen, dann muss man bei der Gerechtigkeit bleiben, gerecht sein.

Wenn jemand Gutes tut, dann sollen wir das ihm auch sagen, wenn jemand aber Schlechtes tut, dann sollen wir ihm das ebenso sagen, aber in einer vernünftigen und guten Art und Weise.

Wir werden ebenfalls dazu angehalten, unsere Gefühle gegenüber anderen zu zeigen, zu äußern, die Zuneigung, die Anerkennung, die Liebe auf dem Wege Allahs.

Eines Tages hat ein Gefährte des Propheten (s) zu ihm gesagt, ich liebe den Menschen „Soundso“ für Allah, also auf seinem Weg, da sagte der Prophet (s) zu ihm: „Hast du ihm das denn gesagt?“, worauf dies der Mann verneinte. Da sagte der Prophet (s) zu ihm: „Geh hin zu ihm und sage ihm, dass du ihn liebst, für die Sache Allahs, auf dem Wege Allahs.“

Und als Antwort, da hat der Prophet (s) gesagt, soll man sagen: „Möge Allah dich lieben, so wie du mich seinetwegen geliebt hast.“

Das sind eben verschiedene Situationen – liebe Brüder und Schwestern – wo es wichtig ist, was man sagt, und dass man das Richtige sagt, und wenn wir immer überlegen, bevor wir etwas sagen, dann ist das gut für unser Leben und unseren Alltag hier aber auch für unser jenseitiges Leben.

Wenn sich jeder so verhalten würde, dann würden viele Konflikte und Probleme nicht erst entstehen!

Möge Allah der Erhabene uns zu seinen rechtschaffenen Dienern zählen lassen, amen!

Gut und besser, wichtig und wichtiger

Liebe Brüder und Schwestern,

eines Tages saß ein Gelehrter mit seinen Schülern zusammen.

Er hatte ein großes Glas mitgebracht und Steine in verschiedenen Größen. Er sagte zu ihnen: „Ich möchte mit euch heute ein Experiment durchführen.“

Er nahm die größten Steine, die er bei sich hatte, und tat sie in das Glas vor sich, dann fragte er: „Was meint ihr - ist das Glas jetzt voll?“

Dies bejahten die Schüler. Dann nahm er die kleineren Steine und tat sie ebenfalls in das Glas.

Sie fanden alle Platz in den Zwischenräumen zwischen den großen Steinen.

Wieder fragte er die Schüler: „Ist das Glas nun voll?“

Wiederum mussten dies die Schüler bejahen. Am Ende nahm er Sand und füllte ihn ins Glas. Dieser füllte die restlichen Zwischenräume der größeren Steine vollends auf. Da sagte er zu seinen Schülern:

„So wie dieses Glas und die Steine verschiedener Größen ist auch euer Leben und auch die Dinge in eurem Leben. Die die wichtig sind und die, die nicht so wichtig sind. Fangt immer mit den großen Steinen an beim Einfüllen! Denn würdet ihr mit dem Sand beginnen, so wäre das Glas – also euer Leben – voll mit den unwichtigeren Dingen, und es gäbe keine Zwischenräume für die wichtigen Dinge! Denn der Sand füllt das Glas komplett und lässt keine Zwischenräume. Beginnt ihr jedoch mit den wichtigen Dingen, so bleibt genug Zwischenraum für die weniger wichtigen Dinge, hier in diesem Experiment den Sand!“

Diese Geschichte ist ein Gleichnis, das wir heute eingangs benutzen wollen, um über ein wichtiges Thema zu sprechen, das Verstehen und das Setzen von Prioritäten. Früher haben die Gelehrten von so genannten „Stufen“ bei den Taten gesprochen, dass manche Handlungen besser seien als andere.

Allah sagt im Koran: „Stellt ihr etwa die Tränkung der Pilger und das Bevölkern der geschützten Gebetsstätte (den Werken) dessen gleich, der an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und sich auf Allahs Weg abmüht? Sie sind nicht gleich bei Allah.“ (Koran 09:19)

Hier sagt uns Allah, dass es doch Handlungen, Taten und religiöse Pflichten gibt, die wichtiger sind als andere, und die dann auch entsprechend Priorität haben vor anderen.

Auch die Zeit, in der man eine bestimmte Handlung vollzieht, ist entscheidend:

Je nachdem, wie die Umstände sind, unter denen man eine Tat oder Handlung unternimmt, ist die eine richtiger oder wichtiger als eine andere. Deswegen hat Allah gesagt: „Nicht gleich sind diejenigen von euch, die vor dem Sieg ausgegeben und gekämpft haben, ... Diese haben eine höhere Rangstufe als diejenigen, die erst nachher ausgegeben und gekämpft haben. Allen aber hat Allah das Beste versprochen. Und Allah ist dessen, was ihr tut, Kundig.“ (Koran 57:10)

Also beiden hat Allah Gutes versprochen, aber die einen sind eben besser als die anderen bei ihm, die sich in einer schwierigen Zeit für die Sache Allahs eingesetzt haben.

Weil es den Gefährten des Propheten (s) wichtig war, durch welche Tat man Allah näher kommen kann, haben sie immer wieder den Propheten (s) gefragt: „Welche Tat ist Allah am liebsten?“

Und der Prophet (s) hat unterschiedliche Antworten gegeben!

Einmal sagte er: „Zuerst der Glaube an Allah und seinen Gesandten, danach der Dschihad auf dem Wege Allahs, also der Einsatz, das Bemühen, auf dem Wege Allahs, und drittens dann eine gute, eine rechtschaffene Pilgerfahrt.“

Eine andere Antwort des Propheten (s) war: das Gebet zu der rechten Zeit stünde an erster Stelle, und an zweiter Stelle, dass man rechtschaffen, gütig und freundlich gegenüber seinen Eltern handelt, und an dritter Stelle der Einsatz und das Bemühen auf dem Wege Allahs.

In einer anderen Überlieferung hat er an dritter Stelle gesagt, dass die Menschen allgemein vor der Zunge des Muslims in Frieden sein sollen, was heißt, dass man mit seiner Zunge, mit seinen Worten andere nicht angreifen, beleidigen oder über andere lästern soll.

Ein anderes Mal, als der Prophet (s) gefragt wurde, welche Tat Allah denn am liebsten sei, da sagte er: das Dauerhafte, auch wenn das wenig sei.

Wir sehen, einmal nannte der Prophet Taten – Dinge, die man tun kann – ein anderes Mal hat der Prophet (s) über die Art und Weise, wie man eine Handlung vollzieht, gesprochen, je nachdem, wie man die Frage stellte und je nach der Einschätzung des Propheten (s), welche Antwort der Fragende gerade braucht. Dementsprechend waren die Antworten des Propheten (s) unterschiedlich.

Zurück zu der eingangs erzählten Geschichte – liebe Brüder und Schwestern:

- Jeder von uns hat die Aufgabe, für sich klar zu definieren, was einem in seinem Leben wichtig ist und auch, was wichtig und weniger wichtig ist, damit man mit den wichtigen Dingen im Leben anfängt:

auf der einen Seite, um das Wohlgefallen Allahs zu erreichen, auf der anderen Seite aber auch, um ein gutes Leben führen zu können, in seinem Leben auch glücklich sein zu können.

Die Religion zum Beispiel ist sehr wichtig, und soll eben auch deswegen den entsprechenden Platz im Leben eines jeden Muslims einnehmen. Das ist die eine Sache, die andere ist die, dass innerhalb der Religion verschiedene Handlungen oder religiöse Pflichten da sind, von denen manche wichtiger sind als andere, und entsprechend soll man diese zuerst vollziehen, bevor man mit den weniger wichtigen Dingen anfängt.

Deswegen hat uns Allah gesagt: „Das Beste, womit mein Diener mir näher kommen kann ist das, was ich ihm zur Pflicht gemacht habe.“

Gemeint sind die Säulen der Religion, die sind wichtig. Und danach eben die empfohlenen oder die freiwilligen Handlungen.

Auch die Zeit muss berücksichtigt werden, weswegen Abu Bakr, der erste Nachfolger des Propheten (s) seinem Nachfolger Omar – möge Allah mit beiden zufrieden sein – sagte:

„Und wisse, dass es Dinge gibt, die Allah von uns am Tag erwartet und die er in der Nacht von uns nicht annimmt, und umgekehrt, dass es Dinge gibt, die wir in der Nacht vollziehen sollen, und die Allah am Tag nicht annimmt, und wisse, dass eine freiwillige Tat von Allah nicht angenommen wird, wenn man nicht vorher die religiösen Pflichten erfüllt.“

- Als der Prophet Ibrahim und sein Sohn Isma’il Allah darum baten, für die Muslime einen Propheten zu senden, sprachen sie: „Unser Herr, schicke zu ihnen einen Gesandten von ihnen, der ihnen Deine Worte verliest und sie das Buch und die Weisheit lehrt und sie läutert. Du bist ja der Allmächtige und Allweise.“ (Koran 02:129)

Dieses Bittgebet hat Allah angenommen. Nur die Reihenfolge änderte Allah. „So, wie Wir zu euch einen Gesandten von euch geschickt haben, der euch Unsere Worte verliest und euch läutert und euch die Schrift und die Wahrheit lehrt und euch lehrt, was ihr nicht wusstet.“ (Koran 02:151)

Das heißt, diese Läuterung, diese Reinigung, der gute Charakter, die gute Beziehung zu Allah und zu den Menschen ist wichtiger und hat Priorität vor der Wissensaneignung.

Bevor man sich Wissen aneignet und sich mit verschiedenen Fragen der Religion beschäftigt und auseinandersetzt, ist es wichtig, dass man sein Herz reinigt, läutert, eine gute Beziehung zu Allah hat, in der diese Aufrichtigkeit gegenüber Allah gegeben ist, und auch der freundliche und gerechte Umgang mit den Menschen im Sinne eines guten Charakters zu haben.

Und deswegen hat der Prophet (s) ebenfalls geantwortet auf die Frage, welche Tat denn Allah am liebsten sei: Die Güte des Charakters!

- Es ist wichtig, dass man bei sich anfängt, dass man die eigenen Fehler sieht vor den Fehlern anderer, und dass man bei sich anfängt und versucht, diese zu korrigieren, bevor man andere ermahnt! Entsprechend sagt Allah: „Beim Zeitalter! Der Mensch befindet sich wahrlich in Verlust, außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen.“ (Koran 103:1-3)

Zuerst den Glauben bei sich verinnerlichen, das Gute tun und dann die Menschen aufrufen, sie entsprechend zu ermahnen und mitzunehmen.

- Es gibt verschiedene Menschen, mit denen man zu tun hat, und verschiedene, die Rechte einem gegenüber haben! Deswegen ist es wichtig, dass man gegenüber diesen Menschen einen freundlichen und gerechten Umgang pflegt, also einen guten Charakter, und dass man auch die Rechte dieser Menschen erfüllt:

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist wichtig, und soll in beide Richtungen gepflegt werden, dass die Eltern sich um die Kinder kümmern und versuchen, sie in Liebe und Geborgenheit groß zu ziehen, aber auch, dass die Kinder gegenüber den Eltern den entsprechenden Respekt haben und auch den freundlichen Umgang.

Genauso wichtig ist der Umgang zwischen Eheleuten: Gerechtigkeit, Zuneigung, Liebe, freundlicher Umgang.

Dazu gehört auch, dass der Muslim in seiner Beziehung zu den anderen Muslimen, vor allem zu denjenigen, die man immer wieder sieht, mit denen man immer wieder in gleicher Reihe betet und vor Allah steht, ein reines, sauberes Herz gegenüber diesen Menschen hat und versucht, eine gute Beziehung zu ihnen zu haben.

Und so weiter, bis der Mensch einen guten Charakter und einen guten Umgang mit allen Menschen hat.

Es gibt gut und es gibt besser, es gibt wichtig, und es gibt wichtiger, und es ist eben die Aufgabe jedes Einzelnen von uns, dass man klar für sich definiert, was einem wichtig ist und dass man dann entsprechend handelt, auf der einen Seite, um das Wohlgefallen Allahs zu erreichen, auf der anderen Seite, um hier in diesem Leben glücklich leben zu können.

Möge Allah der Erhabene uns zu seinen rechtschaffenen Dienern zählen lassen, amen!

Ramadan, auf Wiedersehen

Lieber Bruder und Freund, Monat Ramadan,

sehr gefreut haben wir uns über dein Kommen, über deinen Besuch. Genossen haben wir die Zeit, die du bei uns verweilt hast, in Frieden und Freude. Du warst uns ein überaus guter Freund, Nachbar und Helfer. Heute nimmst du Abschied von uns. Die Gewissheit habe ich, dass weder unsere Seelen noch unsere Körper nach deinem Weggang sein werden wie während deiner gesegneten Zeit, so ist das Leben.

Wir nehmen Abschied von Dir, Monat der Barmherzigkeit,

mit Ehrfurcht in den Herzen, Tränen in den Augen und hoch gestreckten Händen zu Allah in Bittgebeten, dass Er uns unsere Anstrengungen annimmt und uns unsere Verfehlungen vergibt.

Mein Bruder,

der Friede Gottes möge dich auf deinem Weg begleiten. Dafür, dass du unsere Herzen wieder zum Leben gebracht hast. Dafür, dass du uns im Gebet versammelt hast. Dafür, dass du uns zum Koran geführt hast. Dafür, dass du es uns erleichtert hast, das Gute zu tun. Dafür, dass du es uns erleichtert hast, uns vom Verwerflichen fernzuhalten. Friede, Friede, Friede sei mit dir.

Lieber Bruder,

gehst du heute, so gehen wir alle. Trennst du dich heute von uns, so sagte uns der liebe Prophet: „liebe den, den du willst, die Trennung kommt gewiss.“

Lieber Bruder, Monat des Korans,

kommst du bei deinem Herrn an, so erwähne uns bei Ihm, überbringe Ihm unsere Friedensgrüße, sag Ihm, dass wir Ihn lieben, du bist unser Zeuge. Sag Ihm, dass wir Ihm dafür danken, dass Er dich zu uns geschickt hat und es uns ermöglichte, wieder den Anschluss zu finden und den Weg zu Ihm zu gehen. Erwähne uns bei deinem Herrn und sag Ihm: Deine Diener hoffen auf deine Barmherzigkeit und fürchten deine Strafe.

Bruder und Freund,

besucht hast du uns als Gast, warst dabei sehr großzügig und hast uns viele Geschenke gemacht, Momente des seelischen Friedens und der Gottesnähe. Und wir? Waren wir großzügig dir gegenüber? Haben wir dir deine Rechte gegeben? Sind wir dem Gebot der Gastfreundlichkeit nachgekommen? Vielleicht!

Wir haben uns bemüht und unser Bestes gegeben. Sollte Nachlässigkeit, sollten Fehler auf unserer Seite sein, so verzeih uns, Verzeihung gehört zu den Tugenden der Rechtschaffenen. Sprich für uns eine Fürbitte bei deinem Herrn. Ich bitte dich sehr darum.

Lieber Bruder, Monat der Vergebung,

sollten wir uns noch mal treffen, so ist dies einer meiner größten Wünsche. Sollte es aber anders sein, so treffen wir uns im Paradies, so Gott will, wenn wir durch das Tor „Arrayyan“, Tor des Fastens, ins Paradies eintreten. Für die Gnade Allahs ist nichts unmöglich.

Mein Bruder, mein Lieber,

ich verspreche dir und gebe dir mein Wort, dir treu zu bleiben. Dass ich das Gute tue, soweit es mir möglich ist. Dass ich mich vom Verwerflichen fernhalte, soweit es mir möglich ist. Dass ich mich für das Gute einsetze und dazu aufrufe, soweit es mir möglich ist. Dass ich vor dem Verwerflichen warne, soweit es mir möglich ist. Froh bin ich darüber, dass ich dich erleben durfte. Dankbar bin ich Gott für seine Nachsicht, seine Großzügigkeit, seine Rechtleitung und seine Unterstützung.

Lieber Bruder,

Tränen in meinen Augen, Trauer in meinem Herzen. Traurig bin ich, sehr traurig, von dir mich verabschieden zu müssen, aber ich sage nur das, womit Gott zufrieden sein wird: „Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück“

Ich vertraue dich Gott an, bei Dem nichts verloren geht. Bis zum nächsten Wiedersehen, in dieser Welt oder in jener Welt.

Dein dich liebender Bruder

Mohamed Ibrahim

Vorträge

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Gehört der Islam zu Deutschland?

Gehört der Islam zu Deutschland? (Kernthesen)

1) Der Islam gehört zu Deutschland, vor allem durch die normative Kraft des Faktischen:

- Es leben in Deutschland zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime (Stand 2010).

- An drei deutschen Universitäten (Tübingen – Münster – Osnabrück) werden Lehrstühle für Islamstudien eingerichtet, mit dem Ziel, muslimische Religionslehrer und Imame in Deutschland auszubilden.

- Ab 2012 wird in Niedersachsen der islamische Religionsunterricht an den Schulen eingeführt, an denen es genügend muslimische Kinder gibt.

2) Die in der deutschen Verfassung verankerten Werte: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung, Religions- und Meinungsfreiheit sind für keine Religion reserviert! Jeder, der diese anerkennt und respektiert, gehört zu Deutschland.

3) Die Berufung auf die "christlich-jüdische" Tradition darf nicht ausschließend oder ausgrenzend sein, zumal der Islam (um den es hier geht!) diese zwei vorangegangenen Religionen anerkennt und sich in deren Tradition sieht. Wichtig ist auch anzuerkennen, dass die "westliche" Kultur im Laufe der Geschichte immer wieder durch die Muslime "Bereicherung" erfahren hat, vor allem in den Bereichen Wissenschaft, Literatur und Philosophie.

4) Dass der Islam zu Deutschland gehört, bedeutet, dass Muslime sich sowohl zum Islam als auch zu Deutschland bekennen können und dass es an der Zeit ist, dass die Muslime in den Bundesländern (wenn sie die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen dafür erfüllen!) den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts bekommen.

5) In der Integrationsdebatte sind meiner Meinung nach vor allem, und vielleicht auch nur, zwei Dinge wichtig und dürfen verlangt werden: Ein Mindestmaß der Beherrschung der deutschen Sprache und der Respekt vor der demokratisch legitimierten Rechtsordnung (d.h. Gesetzestreue.)

6) Jeder, der dividiert statt zu integrieren, der spaltet statt zusammenzubringen, stiftet Unfrieden in diesem Lande. Es ist schon ein Unterschied, ob man miteinander "Dialog" führt oder einander nur angreift und vielleicht anfeindet! Dass Vorurteile geschürt werden und den Menschen mit Schlagworten wie "Scharia" Angst eingejagt wird, ist beim Prozess der Integration hinderlich. "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer!"

Hat die Religion uns heute noch etwas zu sagen?

Hat die Religion uns heute noch etwas zu sagen?

1. Die erste Frage, die sich stellt:

Was meinen wir mit „Religion“?

Es gibt von diesem Wort, obwohl wir es alle benutzen, wissenschaftlich keine einheitliche Definition. Hier haben wir es ja auch nicht mit der Mathematik zu tun! Jeder hat so eine eigene Vorstellung, eine eigene Definition von Religion. Mit dem Wort „Religion“ verbindet man verschiedene Begriffe wie z.B. Glaube, Weltanschauung, Lebensphilosophie, Lebensweise oder Glaubensgemeinschaft. Das sind alles Dinge, Begriffe, die man mit der Religion verbindet.

Religion ist ein Glaube, aber nicht nur, sondern ein im Denken, im Fühlen und auch im Handeln betätigter Glaube – woran? An das Dasein von etwas Höherem, in vielen Religionen wird dieses „Höhere“ Gott genannt. Das heißt, die Religion ist ein Glaube, der gelebt wird, eine Beziehung zwischen den Menschen und Gott.

2. Die zweite Frage, die sich stellt:

Warum „heute noch“?

Aus zweierlei Gründen: auf der einen Seite hat man immer wieder das Gefühl bzw. den Eindruck, dass der moderne Mensch (vielleicht richtiger der postmoderne!) die Religion als etwas Altes nicht braucht. Schließlich sind die Weltreligionen vor Tausenden von Jahren entstanden. Ob sie „heute noch“ aktuell oder zeitgemäß sind? Ob sie „heute noch“ etwas zu bieten haben?

Auf der anderen Seite sind viele Menschen auf der Suche nach Sinn und Orientierung, auf der Suche nach Halt und innerem Frieden. Und hier auch die Frage, ob die Religion „heute noch“ bei der Sinnfindung helfen kann? Ob die Religion den Menschen „heute noch“ einen Halt und einen inneren Frieden schenken kann?

3. Nun zu unserer Frage, ob die Religion uns heute noch etwas zu sagen hat?

Welche möglichen Antworten gibt es auf diese Frage?

a. Nein! Die Religion hat uns nichts zu sagen, oder

b. Ja! Die Religion hat uns etwas zu sagen.

Wir fangen mit der negierenden Antwort an!

a. Also: Die Religion hat uns heute nichts zu sagen!

Und dann ist die Frage berechtigt: Was denn hat uns etwas zu sagen, oder wer denn hat uns etwas zu sagen? Das kann ja eine Sache sein oder auch eine Person sein: Wer oder was hat uns etwas zu sagen? Eine mögliche Antwort: Wir brauchen gar nichts, was uns etwas zu sagen hat! Wir brauchen weder etwas noch jemanden!

Aber da haben wir doch die existenziellen Fragen, die jeder Mensch von uns hat, der Eine beschäftigt sich mehr damit, der Andere weniger, je nachdem auch, unter welchen Gegebenheiten der Einzelne lebt:

Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was hat das alles für einen Sinn? Warum bin ich hier?

Und wenn wir sagen, wir brauchen nichts oder niemanden, der uns etwas sagt, dann haben wir entsprechend keine Antworten auf diese Fragen!

Eine andere mögliche Antwort auf diese Frage, wer oder was hat uns etwas zu sagen, ist:

Der Mensch ist wichtig, und die Menschlichkeit ist wichtig, und wir haben den Humanismus, das ist auch eine Art Religion für das Diesseits. Da sind wichtige Werte, die wir für das Zusammenleben brauchen, die werden genannt, und es wird erwartet von den Menschen, dass sie das leben.

Dann aber ist auch die Frage berechtigt: Gibt der Humanismus uns eine Orientierung? Gibt er uns einen Halt in unserem Leben, vor allem in Krisensituationen? Gibt der Humanismus uns Antworten auf diese Fragen: Wer bin ich? Was bin ich? Woher komme ich? Und warum bin ich hier? Nein!

Das heißt, diese erste mögliche Antwort: „Nein! Religion hat uns heute nichts mehr zu sagen“, ist problematisch, weil wir diese existentiellen Fragen eben weiterhin haben werden, und den entsprechenden Halt, den viele Menschen haben möchten, bei dieser negierenden Antwort nicht zu finden ist.

Was bleibt uns? Die zweite Antwort! Und die lautet:

b. Die Religion hat uns heute noch etwas zu sagen!

Und dann ist die Frage berechtigt: Ja, was hat sie uns denn noch zu sagen? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an, welche Religion man meint! Und es kommt auch darauf an, welche Antworten man sucht, auf welche Fragen.

Aber allgemein kann man sagen, und ich meine, hier von den drei Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam sprechen zu können; da werden uns drei Dinge gesagt (siehe hierzu: Koran 02:62 und 05:69):

1) Es gibt einen Gott,

2) es geht nach dem Tod weiter,

3) handelt gut und rechtschaffen in eurem Leben!

Es gibt ja Gott, und nicht nur das, sondern die Religion sagt auch, dass dieser Gott uns etwas zu sagen hat. Nicht nur das, sie sagt, dieser Gott hat uns etwas gesagt! Dieser Gott hat sich uns offenbart. Je nachdem, welcher Religion man sich zugehörig fühlt, glaubt man an eine andere Offenbarung.

Gott kann man nicht begreifen und nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen, Gott ist übersinnlich, aber er ist erfahrbar. Jeder Mensch kann ihn erfahren, kann Erfahrungen mit ihm machen.

(Meister Eckhart: Gott ist etwas, das in Ewigkeit ungeteilt in sich selbst wirkt, das niemandes Hilfe und keines Werkzeuges bedarf, und das in sich selbst bleibt, das nichts bedarf und dessen alle Dinge bedürfen und nach dem alle Dinge trachten als in ihr letztes Ende.)

Natürlich kommt es dann auch zu einer berechtigten Frage: Wo sind die Beweise, dass es Gott wirklich gibt?

Das ist eine herausfordernde Frage, die es immer gab und immer wieder geben wird. Und es gab und gibt viele Menschen, die sich an dieser Frage immer wieder versuchen, und auch Beweise liefern. Und je nachdem, welche Bereitschaft der Einzelne hat, den Beweis zu akzeptieren oder nicht, lässt er sich überzeugen oder eben nicht.

Aber wir sagen: Es gibt Gott! Punkt! Und mir gefällt in diesem Zusammenhang ein Satz von Immanuel Kant, in dem er gesagt hat:

„Diejenigen, die sagen, dass es einen Gott gibt, sagen mehr als das, was sie wissen. Und diejenigen, die sagen, dass es keinen Gott gibt, desgleichen.“

Aber es geht ja nicht nur um das Wissen, sondern es geht auch um das Fühlen, um die Bedürfnisse, die die Menschen haben, und um das Glauben.

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig zu erwähnen, dass der Mensch – und zwar jeder Mensch – eine angeborene Religiosität hat: Er hat ein religiöses, ein spirituelles Bedürfnis neben all den anderen menschlichen Bedürfnissen. Man kann sagen, es gibt einen angeborenen Glauben. Manche reden in diesem Zusammenhang von einem so genannten „Gott-Gen“, dass der Mensch neben allen anderen Genen ein spezielles Gen besitzt, in dem Gott verankert sei – daher diese Verbindung oder dieses Bedürfnis. Und alle Menschen, unabhängig davon, ob sie religiös sind oder nicht, rufen in schwierigen Situationen, in Krisen oder ähnlichem automatisch: „O Gott!“.

Im Islam spricht man hier von der „Fitra“, von der Natur des Menschen, dass dies etwas Natürliches sei, was dem Menschen mitgegeben wird.

Also: es gibt einen Gott, und dieser Gott hat uns etwas zu sagen und tat dies auch.

Das sind dann die Dinge, die wir in den Religionen finden als Gebote, Verbote, Empfehlungen, Regeln oder Anweisungen – aber Gott hat sich offenbart. Ob er das in einer Person gemacht hat wie im Christentum, oder in einer Schrift wie im Islam – auf jeden Fall hatte er den Menschen etwas zu sagen und tat dies auch.

Das ist die erste Sache, die uns die Religion sagt.

Die zweite ist die, dass es nach dem Tod weitergehen wird.

Das nimmt den Menschen die Angst vor dem Ende, das gibt den Menschen Hoffnung auf eine Zukunft. Der Tod ist dann nicht nur das Ende, sondern ein Ende und ein Anfang gleichzeitig. In diesem Zusammenhang denke ich an ein Zitat von dem Philosophen Thomas Bernhard, in dem er gesagt hat:

„Alles ist lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“

Eben, wenn kein Glauben da ist. Wenn der Tod das Ende sein sollte, dann könnte man diesen Gedanken haben. Aber die Religion sagt uns, ihr braucht keine Angst zu haben. Das ist nicht das Ende, sondern es geht weiter. Das ist dieser Glaube an das nächste, an das kommende, an das jenseitige, an das ewige Leben. Je nachdem, von welcher Religion man ist, hat man natürlich auch unterschiedliche Vorstellungen von diesem Leben, aber Fakt ist, dass uns alle Religionen das Gleiche sagen, und versuchen, uns dazu zu bringen, unser diesseitiges Leben als eine Vorbereitung auf das kommende, das nächste Leben anzusehen und entsprechend zu handeln.

Und wenn man so eine Vorstellung, so einen Glauben hat, dann ist man zuversichtlich und hat nicht diese Angst.

Die dritte Sache, die uns die Religion sagt, ist das Gute tun, rechtschaffen handeln!

Dazu halten uns die Religionen an. Auch unterschiedlich, aber doch allgemein gültig ist das die Botschaft aller Religionen, in jeder Hinsicht und in jeder Beziehung:

1) in unserer Beziehung zu den anderen Mitmenschen,

2) in unserer Beziehung zu der Natur, zu den anderen Geschöpfen, die es gibt,

3) in unserer Beziehung zu dem höheren Wesen, zu Gott.

Was die Beziehung zu den Menschen angeht, so soll diese von Respekt und Achtung, von Frieden und Freundlichkeit und von Hilfsbereitschaft und Güte geprägt sein. Goethe sagt hierzu: edel sei der Mensch, hilfsbereit und gut.

Was die Beziehung zu der Natur angeht, so soll diese von Verantwortung und verantwortungsvollem Umgang mit den Ressourcen der Natur geprägt sein. Der Mensch als Ebenbild Gottes (nach christlichem Verständnis) oder sein Statthalter (nach islamischem Verständnis) soll vernünftig und im Sinne Gottes mit der Schöpfung umgehen! Das heißt, nicht verschwenderisch mit den Ressourcen umgehen und heißt auch, dass der Mensch sich nicht im „Krieg“ mit der Natur zu befinden hat!

Was die dritte (und wichtigste!) Beziehung angeht, nämlich jene zu Gott, so soll diese von Liebe, Hingabe, Vertrauen, Nähe und Geborgenheit geprägt sein.

4. Nun aber zurück zum „Humanismus“: Wenn wir sagen, der Humanismus ist gut, ist aber keine Religion, dann stellt sich die Frage: Schließen Religion und Humanismus sich gegenseitig aus? Hier auch wieder die Antwort: das kommt darauf an! Das kommt darauf an, wie man den Humanismus definiert, und auch ein wenig darauf an, welcher Religion man sich zugehörig fühlt. Aber man kann sagen, dass dieser Humanismus, eben diese Humanität und Menschlichkeit, Toleranz und Gewaltlosigkeit und die verschiedenen Werte wie die Freiheit des Einzelnen – dass dieser Humanismus ebenfalls ein Teil der Religion ist.

Und dafür gibt es auch Belege und Ansätze; die findet man im Judentum, im Christentum und auch im Islam. Man kann sagen, dass der Humanismus ein Kind der Religion ist!

Hinzu kommt, dass, wenn wir an das jenseitige Leben glauben und unser diesseitiges Leben als eine Vorbereitung darauf ansehen, dass dies uns dazu bringt, den Humanismus stärker und aufrichtiger zu leben.

5. Bei seiner Suche nach Sinn und Orientierung, braucht der Mensch Ideale und Werte!

Die Religion gibt uns Werte und Ideale, wenn sie uns sagt, dass wir Gutes zu tun haben. Und es ist unsere Aufgabe, uns diesen Idealen zu nähern. Wir erreichen diese Ideale nicht, es ist aber dennoch unsere Aufgabe, uns ihnen zu nähern.

Welche Ideale und Werte sind da gemeint? Welches Ideal finden wir zum Beispiel im Christentum, welches Gebot kommt nach dem ersten Gebot, dem Wichtigsten, und es ist ähnlich wichtig? Da reden wir von der Nächstenliebe.

Welches Ideal haben wir im Islam? Da haben wir viele, aber die Barmherzigkeit ist zum Beispiel besonders wichtig.

(Interessant ist hier, dass die Muslime sagen, die Nächstenliebe ist ein Teil der Barmherzigkeit, während die Christen sagen, die Barmherzigkeit ist ein Teil der Nächstenliebe.)

Wir haben die Ideale, und unsere Aufgabe ist, an uns zu arbeiten, uns eben diesen Idealen zu nähern.

Und welche Werte? Da finden wir auch die verschiedensten, und vor allem finden wir Werte, die uns Heutigen – wir reden ja von heute – von großem Nutzen sein könnten, würden wir sie leben: Bescheidenheit oder Genügsamkeit (in Zeiten der Wirtschaftskrise auf jeden Fall)

6. Welche Kritik gibt es an die Religion?

Da ist zunächst die Frage: ja, welche Religion hat uns denn etwas zu sagen? Es gibt ja viele! Welche ist denn die Richtige?

„Der Islam natürlich!“ Würde ein Muslim sagen.

„Das Christentum natürlich!“ Würde ein Christ sagen.

Und ein Jude würde entsprechend das Judentum als die richtige Religion ausweisen, Angehörige anderer Religionen genauso.

Und all das sind berechtigte und richtige Antworten – für den Einzelnen.

Für mich als Muslim ist meine Antwort richtig: der Islam ist die richtige Religion, und für mich ist der Islam auch meine Wahrheit. Ob diese Wahrheit für andere dann auch die Wahrheit und die richtige Religion ist, das dürfen dann eben diese anderen für sich entscheiden. Das gilt auch für das Christentum und für andere Religionen.

Wenn wir von einem Gott sprechen, der es dazu kommen ließ, dass wir diese verschiedenen Religionen haben, dann hat das seine Berechtigung und auch seinen Sinn! Und ich denke hier in diesem Zusammenhang auch gerne an die Ringparabel von Lessing. Es soll eben darum gehen, dass die Religionen im Guten miteinander wetteifern, und vielleicht auch zeigen, warum sie es verdienen, die gute, die richtige Religion zu sein. (vergleiche hierzu Koran 05:48).

Und mit dieser ersten Frage kann man folgende Frage verknüpfen: Wie kann ich sehen oder erkennen, dass eine Religion die richtige oder die gute ist?

Darauf gibt es auch keine endgültige und für Jeden nachvollziehbare Antwort! Ich persönlich möchte Folgendes dazu sagen:

1) Eine Religion ist für den Einzelnen gut und richtig, wenn sie diesem Einzelnen den entsprechenden Halt geben kann, den dieser Mensch braucht.

2) Eine Religion ist für den Einzelnen gut, wenn sie diesem Menschen einen gehbaren Weg zeigen und aufzeigen kann!

3) Und eine Religion ist gut für den Einzelnen, wenn sie für diesen Einzelnen auch nachvollziehbar ist!

Eine weitere schwerwiegende Kritik ist die, dass man sagt, viele Probleme kommen nur von den Religionen. „Wir haben aufgrund der Religionen nur Krieg auf der Welt!“, das ist eine Hauptkritik. Wenn man in der Geschichte zurück blickt, findet man dies bestätigt, wenn man im Alltag die Nachrichten verfolgt, bekommt man das auch bestätigt – ein Grund, die Religion abzulehnen?!

Wie verteidigen sich Anhänger der Religionen?

Sie sagen, dass es nicht die Religionen, die schlecht sind, sondern es sind die Menschen, die die Religionen schlecht machen bzw. schlecht erscheinen lassen!

Das Problem ist, dass die Religionen sich dafür eignen, instrumentalisiert und missbraucht zu werden. Dies geschah in der Vergangenheit immer wieder und geschieht auch heutzutage immer wieder.

Aber – soll das für uns heißen, dass wir die Religion nicht brauchen, komplett ablehnen, zurückweisen müssen, da von jener Seite angeblich nur Probleme kommen?! Weil eben die Religionen unterschiedlich sind und jeder meint, die einzig gültige Wahrheit zu besitzen?

Nein! Denn:

1) Die Schuldigen sind nicht die Religionen, sondern die Menschen, und der Mensch ist entscheidend. Es ist sehr wichtig, dass der Kreis der friedlichen und friedliebenden Menschen sich erweitert.

2) Nicht die Religionen sind es, die all die Kriege und Krisen verursacht und herbeigeführt haben, was man bei aufrichtiger Beobachtung feststellen kann, sondern eben die Menschen und andere Ideologien, Denkweisen, Vorgehensweisen, Machtansprüche. Damit werden die Religionen dann missbraucht und instrumentalisiert. Die Achse des Bösen besteht aus Hass, Gier und Ignoranz!

3) Bei vielen Kriegen, bei denen sehr viele Menschen ums Leben kamen – man denke ganz besonders an die Weltkriege – spielten die Religionen überhaupt keine Rolle.

4) Würde unsere Welt friedlicher, wenn es die Religionen nicht gäbe? Nein!

Ich denke, der Mensch, der seinen inneren Frieden in seiner Religion findet, der lebt auch mit anderen Menschen in Frieden und stiftet auch Frieden oder so sollte es jedenfalls meiner Meinung nach sein!

Meine Damen und Herren, wir sind nicht da, um das Leben zu verstehen, sondern um es zu leben und es lebenswerter zu machen. Die Menschheit braucht mehr Menschlichkeit. Zu dieser hält uns die Religion an. Diese Menschlichkeit sollen wir leben und geben, hoffend und vertrauend darauf, dass es weitergehen wird und dass es gut enden wird.

Vielen Dank für Ihre/Eure Aufmerksamkeit!

Wer bin ich? Menschenbild im Koran.

Wer bin ich? Menschenbild im Koran (Leitgedanken und Koranverse für meine Ausführungen)

Der Mensch braucht „Gott“, um sich erklären zu können. Das „Endliche“ kann sich erst über das „Unendliche“ begreifen und begreiflich machen. Damit das „Diesseitige“ einen Sinn hat und macht, braucht man das „Jenseitige“. Eine wichtige „Prämisse“ für folgende Ausführungen ist daher der „Glaube an Gott“.

1) Statthalter

02:30 [Und als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich bin dabei, auf der Erde einen Statthalter einzusetzen“, da sagten sie: „Willst Du auf ihr etwa jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir Dich doch lobpreisen und Deiner Heiligkeit lobsingen?“ Er sagte: „Ich weiß, was ihr nicht wisst.“]

* Alles Erschaffene auf der Erde ist für den Menschen erschaffen

02:29 [Er ist es, Der für euch alles, was auf der Erde ist, erschuf.]

* Der Mensch hat Würde

17:70 [Und Wir haben ja die Kinder Adams geehrt. (ihnen Würde verliehen!)]

* Verantwortung der Generationen

10:14 [Hierauf haben Wir euch nach ihnen zu Nachfolgern (auf) der Erde gemacht, um zu schauen, wie ihr handelt.]

* Handeln im Sinne Gottes (Sich Idealen nähern!)

2) Diener bzw. Knecht

51:56 [Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur (dazu) erschaffen, damit sie Mir dienen.]

02:21 [O ihr Menschen! Dient eurem Herrn, Der euch und diejenigen vor euch erschaffen hat, auf dass ihr gottesfürchtig werden möget!]

* Auszeichnung und Zugehörigkeit: 17:01, 19:30

* Allumfassender Gedanke: drei Dimensionen (Gott, Universum, Mitmenschen)

* Gottesdienstliche Handlungen: zu unserem Vorteil (Beweis der Hingabe – Läuterung – Gleichgewicht)

* Die Absicht zählt!

3) Die zwei Veranlagungen des Menschen

90:10 [Haben Wir ihm nicht zwei Augen gemacht, eine Zunge und zwei Lippen und ihn beide Hochebenen geleitet?] (D.h.: den breiten Weg des Guten und denjenigen des Bösen.)

91:07-10 [und (bei) einer (jeden) Seele und Dem, Der sie zurechtgeformt hat und ihr dann ihre Sittenlosigkeit und ihre Gottesfurcht eingegeben hat! Wohl ergehen wird es dem, der sie läutert, und enttäuscht sein wird ja, wer sie verkümmern lässt.]

Kommentar: „Gott hat den Menschen, sowohl was seine Natur wie seine Fähigkeit angeht, aus zwei Bereichen geschaffen – nämlich aus dem Staub der Erde und dem göttlichen Geist. Er besitzt zweierlei gleich starke Neigungen, zum Guten und zum Bösen, der göttlichen Rechtleitung zu folgen oder irrezugehen. Der Mensch vermag in allem, was ihm begegnet, das Gute genau zu erkennen wie das Schlechte, und sich davon abzuwenden oder ihm zuzuwenden. Alle äußeren Einflüsse wie beispielsweise die göttlichen Offenbarungen dienen nur dazu, seine potentiellen Kräfte zu wecken und ihm bei der Wahl des richtigen Weges zu helfen.“

4) Der Mensch ist „verloren“ ohne Glaube

95:04-06 [Wir haben den Menschen ja in schönster Gestaltung erschaffen, hierauf haben Wir ihn zu den Niedrigsten der Niedrigen werden lassen, außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun; für sie wird es einen Lohn geben, der nicht aufhört.] (Wörtlich: zurückgebracht. Dies ist am offensichtlichsten im moralischen, nicht im körperlichen Sinn zu verstehen.)

103:01-03 [Beim Zeitalter! Der Mensch befindet sich wahrlich in Verlust, außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen.]

5) Vielfalt in der Einheit: Menschen sind Geschwister (gemeinsam haben sie ihr Menschsein) jedoch sind sie auch unterschiedlich.

49:13 [O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennen lernt.]

04:01 [O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, Der euch aus einem einzigen Wesen schuf, und aus ihm schuf Er seine Gattin und ließ aus beiden viele Männer und Frauen sich ausbreiten.]

30:22 [Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und (auch) die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden.]

05:48 [Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.]

10:99 [Und wenn dein Herr wollte, würden fürwahr alle auf der Erde zusammen gläubig werden. Willst du etwa die Menschen dazu zwingen, gläubig zu werden?]

11:118 [Und wenn dein Herr wollte, hätte Er die Menschen wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber sie bleiben doch uneinig, außer denen, derer Sich dein Herr erbarmt hat. Dazu hat Er sie erschaffen.]

6) Mann und Frau

04:124 [Wer aber, sei es Mann oder Frau, etwas an rechtschaffenen Werken tut, und dabei gläubig ist, jene werden in den (Paradies)garten eingehen.]

16:97 [Wer rechtschaffen handelt, sei es Mann oder Frau, und dabei gläubig ist, den werden Wir ganz gewiss ein gutes Leben leben lassen. Und Wir werden ihnen ganz gewiss mit ihrem Lohn das Beste von dem vergelten, was sie taten.]

40:40 [Wer etwas Böses tut, dem wird nur gleichviel vergolten. Wer aber rechtschaffen handelt, ob Mann oder Frau, und dabei gläubig ist, jene werden dann in den (Paradies)garten eingehen, wo sie versorgt werden ohne Abrechnung.]

09:71 [Die gläubigen Männer und Frauen sind einer des anderen Beschützer.]

33:35 [Gewiss, muslimische Männer und muslimische Frauen, gläubige Männer und gläubige Frauen, ergebene Männer und ergebene Frauen, wahrhaftige Männer und wahrhaftige Frauen, standhafte Männer und standhafte Frauen, demütige Männer und demütige Frauen, Almosen gebende Männer und Almosen gebende Frauen, fastende Männer und fastende Frauen, Männer, die ihre Scham hüten und Frauen, die (ihre Scham) hüten, und Allahs viel gedenkende Männer und gedenkende Frauen – für (all) sie hat Allah Vergebung und großartigen Lohn bereitet.]

7) Negative Eigenschaften des Menschen im Koran

04:28 [der Mensch ist (ja) schwach erschaffen.]

14:34 [Gewiss, der Mensch ist wahrlich sehr oft ungerecht und sehr oft undankbar.]

18:54 [der Mensch ist von allen Wesen am streitsüchtigsten.]

43:15 [Der Mensch ist ja offenkundig sehr undankbar.]

70:19 [Gewiss, der Mensch ist als kleinmütig erschaffen.]

Werte im Islam

Werte im Islam (Stichworte bzw. ein Faden für meine Ausführungen)

(Im Landtag mit "Christen bei den Grünen BW", Herr Winfried Kretschmann sprach über "Werte im Christentum")

- Was ist der Islam?

Religion – Koran – Tradition des Propheten – Lesarten bzw. kulturelle Prägungen.

- Was sind Werte?

Werte sind grundlegende Orientierungsmaßstäbe, sie definieren gesellschaftlich Wünschenswertes, sind Pfeiler einer Regelkultur; sie sollen Sicherheit geben – wie Verkehrsschilder.

- Welche Werte? (mit welchem Hintergrund)

Man unterscheidet moralische (Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Treue), religiöse (Gottesfurcht, Nächstenliebe), politische (Toleranz, Freiheit, Gleichheit), ästhetische (Kunst, Schönheit) und materielle Werte (Wohlstand).

Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Verantwortung, Respekt, Mitgefühl, Courage

Nächstenliebe, Gleichberechtigung, Freiheit, Toleranz, Wichtigkeit der Familie!

- Woher? (Wie kommt man zu Werten?)

Philosophie (Humanismus), Erfahrungen, Religionen

- Wie und wo werden Werte vermittelt?

Familie, Moschee bzw. Kirche, Schule, Öffentlichkeit, (Liebe, Vorbild)

- Warum Werte?

Wohlstand, Frieden und der Jenseitsglaube!

- Zwischen Islam und Christentum?

Gelesenes

Das erste Wort der koranischen Offenbarung ist "Lies!" Immer wieder sage ich: "Gott sei Dank, können wir lesen und Gott sei Dank, gibt es Menschen, die Lesenwertes schreiben!" Hier sind nun Zitate oder Auszüge aus Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe!

Goethe

Von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) habe ich folgende Bücher gelesen: Faust, Die Leiden des jungen Werther, Die Wahlverwandtschaften und Wilhelms Meisters Wanderjahre.
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Ein Lieblingsgedicht :)

Beherzigung
Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben,
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?

Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

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Aus "Faust"

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.

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Aus "Die Leiden des jungen Werther"
"Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir, manchmal wünschte ich, ein Tagelöhner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen eine Aussicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben."

"Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein."

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Aus "Die Wahlverwandtschaften"
"Auch auf dem festen Lande gibt es wohl Schiffbruch; sich davon auf das schnellste zu erholen und herzustellen, ist schön und preiswürdig. Ist doch das Leben nur auf Gewinn und Verlust berechnet! Wer macht nicht irgendeine Anlage und wird darin gestört! Wie oft schlägt man einen Weg ein und wird davon abgeleitet! Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefassten Ziel abgelenkt, um ein höheres zu erreichen! Der Reisende bricht unterwegs zu seinem höchsten Verdruss ein Rad und gelangt durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen, die auf sein ganzes Leben Einfluss haben. Das Schicksal gewährt uns unsre Wünsche, aber auf seine Weise, um uns etwas über unsere Wünsche geben zu können."

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Aus "Wilhelms Meisters Wanderjahre"
"Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun."
"Gut Ding will Weile haben."
"Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann."

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Aus "Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens 1823 – 1832" von Johann Peter Eckermann
"Ich will Ihnen etwas sagen, woran Sie sich im Leben halten mögen. Es gibt in der Natur ein Zugängliches und ein Unzugängliches. Dieses unterscheide und bedenke man wohl und habe Respekt. Es ist uns schon geholfen, wenn wir es überhaupt nur wissen, wiewohl es immer sehr schwer bleibt, zu sehen, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Wer es nicht weiß, quält sich vielleicht lebenslänglich am Unzugänglichen ab, ohne je der Wahrheit nahe zu kommen. Wer es aber weiß und klug ist, wird sich am Zugänglichen halten, und indem er in dieser Region nach allen Seiten geht und sich befestiget, wird er sogar auf diesem Wege dem Unzugänglichen etwas abgewinnen können, wiewohl er hier doch zuletzt gestehen wird, dass manchen Dingen nur bis zu einem gewissen Grade beizukommen ist und die Natur immer etwas Problematisches hinter sich behalte, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht hinreichen."

Hesse

Von Hermann Hesse (1877 – 1962) habe ich folgende Bücher gelesen: Peter Camenzind, Unterm Rad, Demian, Die Morgenlandfahrt, Das Glasperlenspiel, Der Steppenwolf, Freunde, "Narziss und Goldmund" und Siddharta.

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Ein Lieblingsgedicht :)

Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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Aus "Das Glasperlenspiel"

"Man konnte irregehen, ermüden, Fehler machen, gegen Vorschriften verstoßen, und konnte doch wieder damit fertig werden, zurückfinden und am Ende noch ein Meister werden."

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Aus "Magie der Liebe"

"Fühle mit allem Leid der Welt, aber richte deine Kräfte nicht dorthin, wo du machtlos bist, sondern zum Nächsten, dem du helfen, den du lieben und erfreuen kannst."

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Aus "Der Steppenwolf"

"Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen als bis sie es können." Ist das nicht witzig? Natürlich wollen sie nicht schwimmen! Sie sind ja für den Boden geboren, nicht fürs Wasser. Und natürlich wollen sie nicht denken; sie sind ja fürs Leben geschaffen, nicht fürs Denken!"

"Nun, jeder hat sein Los, und leicht ist keines"

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Aus "Siddhartha"

"Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können."

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Aus "Demian"

"Heim kommt man nie. Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus."

Coelho

Von Paulo Coelho (1947 in Rio de Janeiro, Brasilien) habe ich folgende Bücher gelesen: Der Alchimist, Der Zahir, "Unterwegs und der Wanderer", Veronika beschließt zu sterben, "Der Dämon und Fräulein Prym", Handbuch des Kriegers des Lichts, "Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt", Aleph

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Aus "Der Alchimist"

Erst die Möglichkeit, einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert.

Die Dünen verändern sich mit dem Wind, aber die Wüste bleibt dieselbe.
Man liebt, weil man liebt. Dafür gibt es keinen Grund.

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Aus "Der Dämon und Fräulein Prym"

Das Leben kann, je nachdem, wie wir es leben, kurz oder lang sein.

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Aus "Handbuch des Kriegers des Lichts"

Man ertrinkt nicht, weil man unter Wasser taucht, sondern weil man unter Wasser bleibt.

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Aus "Sei wie ein Fluß, der still die Nacht durchströmt"

Denn nur dem, der den Mut hat, den Weg zu gehen, offenbart sich der Weg.

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Aus "Aleph"

Wir sind nicht das, was die Leute von uns erwarten, oder so wie sie sich uns wünschen. Wir sind, wer wir zu sein beschlossen haben. Den anderen die Schuld zu geben ist immer einfach. Damit kannst du dein ganzes Leben zubringen, aber letztlich bist du allein für deine Erfolge oder deine Niederlagen verantwortlich.

Andere

Aus "Goldspur der Garben" von Tschingis Aitmatov (1928 - 2008)

"Dazu möchte ich noch sagen, dass wahres unverfälschtes Glück, wie ich es verstehe, kein Zufall ist; es fällt einem nicht unversehens in den Schoß wie ein Apfel vom Baum, sondern es kommt allmählich zum Menschen, je nachdem, wie er sich zum Leben, zu den Menschen, die ihn umgeben, verhält; ein Körnchen kommt zum anderen, eins ergänzt das andere, und schließlich entsteht, was wir Glück nennen."

"Lange verharrte ich so und hatte nicht mal die Kraft, das Tuch aufzuheben, das mir vom Kopf geglitten war. Da gewahrte ich die Ameisen, die, eine hinter der anderen, den kleinen Pfad entlang krabbelten. Auch sie arbeiteten, schleppten Stroh und Körner und ahnten nicht, dass neben ihnen ein Mensch mit seinem Kummer saß, ein ebenso arbeitsames Wesen wie sie, das in dieser Minute sogar sie, die Ameisen, diese unermüdlichen Arbeiter, beneidete. Sie konnten ruhig ihrer Arbeit nachgehen. Wäre nicht Krieg gewesen, hätte ich sie dann jemals um ihr Ameisendasein beneidet? Ich schätme mich geradezu ..."

"Güte liegt nicht auf dem Weg, man liest sie nicht zufällig auf. Güte lernt ein Mensch vom anderen."

"Das menschliche Leben gleicht einem Bergpfad: Mal geht's aufwärts, mal abwärts, dann wieder gähnt jäh ein Abgrund. Für den einzelnen ist er oft nicht zu bezwingen, doch alle gemeinsam schaffen es ... So ist es nun mal in unserem nichtigen Leben ..."

"Doch die Menschen sind verschieden. Einige vergessen ihr Leid schnell und beginnen rasch einen neuen Lebensweg, andere aber treten qualvoll, verzweifelt auf der Stelle, unfähig, über das Vergangene hinwegzukommen."

"Sag mir, Mutter Erde, sag mir die Wahrheit: Können die Menschen leben ohne Krieg?
Eine schwierige Frage hast du mir da gestellt, Tolgonai. Es gab Völker, die durch Kriege ausgerottet wurden, es gab Städte, die in Schutt und Asche fielen, und es gab Jahrhunderte, da ich davon träumte, eine menschliche Spur zu finden. Und jedesmal, wenn die Menschen wieder einen Krieg anzettelten, rief ich ihnen zu: ›Haltet ein, lasst das Blutvergießen!‹ Und auch jetzt wiederhole ich: ›Ihr Menschen hinter den Bergen und Meeren! Ihr Menschen auf der ganzen Welt, was fehlt euch – Land? Hier bin ich – das Land, die Erde! Ich bin für euch alle dieselbe, und für mich seid ihr alle gleich. Nicht euren Hader brauche ich, sondern eure Freundschaft, eure Arbeit! Werft ein einziges Korn in die Furche, und ich gebe euch hundert Körner dafür zurück. Steckt ein winziges Reis in den Boden, und ich ziehe euch eine Platane groß. Legt einen Garten an, und ich überschütte euch mit Früchten. Züchtet Vieh, und ich werde Gras sein. Baut Häuser, und ich werde Mauer sein. Pflanzt euch fort, vermehrt euch, und ich werde euch allen eine herrliche Heimstatt sein. Ich bin unendlich, ich bin grenzenlos, ich bin tief, und ich bin hoch, ich habe Platz für euch alle!‹ Und da fragst du noch, Tolgonai, ob die Menschen ohne Krieg leben können. Das hängt nicht von mir ab, das hängt von euch Menschen ab, von eurem Willen und eurem Verstand."

"Wenn zwei Menschen ein Herz und eine Seele sind, verstehen sie einander auch ohne Worte."

"Seltsam, wie wenig doch der Mensch braucht! Manchmal genügt ein einziges gutes Wort, damit er ins Leben zurückfindet."

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Aus "Die Welt von Gestern" von Stefan Zweig (1881 - 1942)

"Denn es war kein Jahrhundert der Leidenschaft, in dem ich geboren und erzogen wurde. Es war eine geordnete Welt mit klaren Schichtungen und gelassenen Übergängen, eine Welt ohne Hast. Der Rhythmus der neuen Geschwindigkeiten hatte sich noch nicht von den Maschinen, von dem Auto, dem Telephon, dem Radio, dem Flugzeug auf den Menschen übertragen, Zeit und Alter hatten ein anderes Maß. Man lebte gemächlicher, und wenn ich versuche, mir bildhaft die Figuren der Erwachsenen zu erwecken, die um meine Kindheit standen, so fällt mir auf, wie viele unter ihnen frühzeitig korpulent waren. Mein Vater, mein Onkel, meine Lehrer, die Verkäufer in den Geschäften, die Philharmoniker an ihren Pulten waren mit vierzig Jahren alle schon beleibte, würdige Männer. Sie gingen langsam, sie sprachen gemessen und strichen im Gespräch sich die wohlgepflegten, oft schon angegrauten Bärte. Aber graues Haar war nur ein neues Zeichen für Würde, und ein gesetzter Mann vermied bewußt die Gesten und den Übermut der Jugend als etwas Ungehöriges. Selbst in meiner frühesten Kindheit, als mein Vater noch nicht vierzig Jahre alt war, kann ich mich nicht entsinnen, ihn je eine Treppe hastig hinauf- oder hinunterlaufen gesehen zu haben oder überhaupt etwas in sichtbarer Form hastig zu tun. Eile galt nicht nur als unfein, sie war in der Tat überflüssig, denn in dieser bürgerlich stabilisierten Welt mit ihren unzähligen kleinen Sicherungen und Rückendeckungen geschah niemals etwas Plötzliches; was von Katastrophen sich allenfalls draußen an der Weltperipherie ereignete, drang nicht durch ..."

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Aus "Robinson Cruso" von Daniel Defoe (1660 - 1731)

"Der Mensch, der Tag für Tag seinen Vergnügungen nachjagt, wird seiner Laster am Ende überdrüssig und erntet zuletzt nur Trauer und Reue, der Mensch der Arbeit aber vergeudet seine Kräfte im täglichen Kampf ums Brot, nur um sich die Lebenskräfte zu erhalten, die er zu seiner Arbeit braucht. So leben sie in einem traurigen Kreislauf: sie leben, um zu arbeiten, und arbeiten, um das Leben zu fristen, gerade als ob das tägliche Brot der einzige Sinn eines müheseligen Daseins wäre und dieses müheselige Dasein uns nur dazu gegeben sei, um das tägliche Brot zu verdienen."

"Auch der Klügste soll sich nichts auf die Schärfe seines Urteils einbilden, als ob er fähig wäre, sich eine besondere Stellung im Leben auszusuchen. Der Mensch ist ein kurzsichtiges Wesen, er kann nur eine ganz kleine Strecke seines Wegs überschauen."

"Die höchste menschliche Weisheit besteht darin, seinen Charakter den äußeren Umständen anzupassen und die innere Ruhe auch unter dem Druck der schwersten äußeren Stürme zu bewahren."

"Wenn ein vernünftiger Mensch einmal so weit gekommen ist, sich über den Wert des Lebens im allgemeinen klar zu werden und zu erkennen, wie wenig diese Welt zum wahren Glück verhilft, ja überhaupt glücklich machen und volle Zufriedenheit schenken kann oder den eigenen Zwecken und Wünschen entspricht, so verlangt er nicht mehr viel von dieser Welt: ein wenig Luft zum Atmen, Nahrung um das Leben zu erhalten, Kleider zum Schutz gegen Kälte und freie Bewegung für die Gesundheit, das ist alles, was die Welt für uns tun kann."

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Aus "Die Stimme der Rose" von Serdar Özkan

"Es war einmal eine Welle, die durch den Ozean rollte und sich am warmen Sonnenschein und der leichten Brise erfreute. Lächelnd rollte sie dem Land entgegen. Doch dann merkte sie plötzlich, dass die Wellen vor ihr eine nach der anderen an den Felsen zerschellten und sich in Gischt auflösten. ‚O Gott’, rief die Welle entsetzt, ‚mir ergeht es genauso. Gleich werde ich von den Felsen zerschlagen werden und verschwinden.’ In diesem Moment bemerkte eine andere Welle ihre Panik. ‚Was ist los? Warum bist du traurig? Sieh doch nur, wie schön die Sonne scheint, und fühle den Wind …’ Da rief die erste Welle: ‚Ja, siehst du denn nicht, wie die anderen Wellen gegen die Klippen kämpfen und wie schrecklich sie untergehen? Uns wird es nicht anders ergehen.’ Darauf tröstete sie die andere: ‚Oh, das siehst du ganz falsch. Du bist doch nicht einfach nur eine Welle, sondern ein Teil des großen Ozeans.'"

"Es wird immer Menschen geben, die an etwas glauben, das andere verneinen. Der Tag existiert nur, weil es die Nacht gibt, und umgekehrt definiert sich die Nacht durch den Tag."

"Gott lässt uns nicht ohne Nachricht. Erst recht dann nicht, wenn jemand mit ganzem Herzen auf Nachricht wartet. Seine Allmacht lässt nicht zu, dass die, die er erschaffen hat, unwissend bleiben. Manche glauben, dass Gott viel zu groß ist, um sich mit unseren alltäglichen Sorgen zu befassen. Doch das Gegenteil ist richtig. Er ist so groß und allmächtig, weil ihn auch die kleinste Einzelheit unseres Lebens kümmert."

"Wahre Liebe erniedrigt die Liebenden nicht, sondern richtet sie auf."

"Nur wer Mut hat, das Gute hinter sich zu lassen, kann das Bessere erreichen."

"Für außergewöhnliche Menschen ist das Außergewöhnliche ganz normal."

Gedanken

  • Unabhängig von jedweder Zugehörigkeit gibt es gute und weniger gute Menschen.
  • Die Erde kann ohne den Himmel nicht klar kommen.
  • Wichtiger als Prinzipien zu haben, ist diesen treu zu bleiben.
  • Nimm Dir Zeit, dann hast Du Zeit!
  • Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.
  • Der Mensch denkt und fühlt und Gott lenkt und führt.
  • Ohne viel zu reden kann man auch viel sagen.
  • Manch eine Prüfung erweist sich als ein Geschenk. Manch ein Geschenk erweist sich als eine Prüfung.
  • Verwalten und gestalten sind zweierlei, aber beides wichtig.
  • Früher oder später besiegt die Wahrheit die Lüge, das Recht das Unrecht und die Gerechtigkeit die Ungerechtigkeit!
  • People were created to be loved. Things were created to be used. The reason the world is in chaos because things are being loved and people are being used!
  • Der Mensch braucht sowohl Betätigung als auch Bestätigung; und in der Regel führt Betätigung zur Bestätigung und Bestätigung zur Betätigung.
  • Ohne konstruktiven Meinungsstreit gibt es keinen geistigen Fortschritt.
  • Drei verlässliche Schlüssel zum Frieden, mit sich selbst und den anderen: Stille (wenig reden), Lächeln (freundliches Gesicht) und gutes Wort.
  • Kein Weg ist lang, der dich zu einem Freund bringt!
  • Es ist nicht schlimm, das Leben nicht zu verstehen. Denn dies ist nicht unsere Aufgabe. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, das Leben gut zu leben und es lebenswerter zu machen.
  • Tu, was Du nicht lassen kannst und lass, was Du nicht tun kannst.
  • Man sollte bescheiden genug sein, um zu wissen, was man nicht ist und was man nicht kann. Man sollte aber auch selbstbewusst genug sein, um zu wissen, was man ist und was man kann. Beides sind Tugenden: Bescheidenheit und Selbstvertrauen!‎
  • Es ist entscheidend und wichtig, dass der Mensch den Menschen im Menschen erkennt und anerkennt, akzeptiert und respektiert.
  • Weise Lebens- bzw. Vorgehensweise: voraus denken, Folgen bedenken!
  • Wer nichts macht, macht nichts falsch, aber auch nichts richtig.
  • Wenn man etwas akzeptiert, heißt das nicht, dass man es gut heißt.
  • Lächeln sollte man fast immer, lachen hingegen nur immer wieder.
  • Das Leben ist eine Reise; wir sind alle Reisende.
  • Deinen inneren Frieden, den schenkt Dir keiner, den musst Du Dir selber erarbeiten.
  • Wenn sich eine ideale Vorstellung nicht realisieren lässt, sollte man realistisch genug sein und sich der Realität stellen.
  • Leben heißt Gegenseitigkeit: geben und nehmen, suchen und finden, reden und (zu)hören, helfen und Hilfe annehmen, fragen und antworten...
  • Relativ: oft ist wenig viel und viel wenig.
  • Gehst Du nicht los, kommst du nirgendwo an.
  • Auch in der Zeit, in der Du der Uhr die Zeit abliest, bleibt die Zeit nicht stehen.

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